
K.I.Z. – „Hahnenkampf“
(Royal Bunker / Universal)
Hurra, Hurra die Kannibalen in Zivil sind wieder zurück. Im Zeichen des Notenständers ist das dritte, von Universal finanzierte Album „Hahnenkampf“ erschienen. Wen mag es da noch groß wundern, wenn die Liaison zwischen schwergewichtigem Major-Label und sarkastisch-polemischen Jung-Rappern sogar den Spiegel zur Berichterstattung nötigt. Was wurde nicht alles über das Phänomen K.I.Z. geschrieben, erklärt und rezensiert. Medienhype deluxe – dank Major-Label-Arbeit. Royal-Bunker-Boss Staiger muss sich halb tot lachen über die deutsche Musikindustrie und ihr Geschäftsgebaren. Doch ist der Hype um K.I.Z. überhaupt noch gerechtfertigt? Der Major-Label-Einfluss springt direkt ins Auge. Unter dem 12,99-Euro-UVP-Aufkleber, der eine CD samt 16-seitigem Booklet und 19 Tracks anpreist, strahlt das MTV-Logo. Wie war das noch gleich mit „Media Markt hat zu viel Geld, geh’ und klau’ das Tape“? Die Zielsetzung scheint klar zu sein: Geld machen – oder wie K.I.Z. treffend brüllen: „Geld essen“. Nach dem Chart-Einstieg auf Platz neun dürfte das nächste Drei-Gänge-Menü schon bestellt sein.
Ist das verwerflich? Nein. K.I.Z. machen nur konsequent das, was Bushido, Sido und Konsorten vorgemacht haben. Einziger Unterschied: K.I.Z. sind die Parodie des deutschen Gangster-Rap schlechthin. „Kugeln treffen mich nicht, weil ich 70 Goldketten trage“ oder „Vielleicht fällt das Licht auf dein Viertel, wenn es brennt“ oder „Du bist Ghetto, doch kein Leben ist so hart wie mein Schwanz“ – nur einige wenige Beispiele aus dem K.I.Z.-Repertoire. Ja, K.I.Z. sind einzigartig in der Art und Weise, wie ironischer Wortwitz gekonnt mit Rap-Klischees verbunden und letztere damit ins unermesslich Lächerliche gezogen werden.
Auf ihrer „Klassenfahrt“ verlassen sie kurz den Schutz der Berliner Großstadt, um sich in bundesdeutschen Dörfern auszutoben: „Handykamera an, wir stürmen dieses Kuhkaff. Der erste Hinterwäldler denkt, er ist 2Pac. Ich rede mit Händen, damit der Horst mich versteht, danach geht es ab in die Dorfdiskothek. Grabsch den Bauernfotzen ans Hinterteil, ein Bett im Kornfeld ist immer frei!“ Es folgt die zweite Maxiauskopplung „Spast“. Getreu dem alten K.I.Z.-Motto „Gebt uns noch ein Jahr und Rap ist nur noch Geschrei über Bass“ rangiert der Beat von „Spast“ musikalisch zwischen Deichkind, Blümchen und Scooter. Demnächst wird „Spast“ wohl bei MTVIVA über den Bildschirm flimmern und zahlreiche Klingeltonfans ans Land ziehen: „Schubs mich nicht, weil ich am Abgrund stehe. Ich frühstücke in der Apotheke“ – wer erinnert sich da noch an Grandmaster Flashs „The Message“?
Die Jungs wollen ein „Böhses Mädchen“. Während Gruppen wie Looptroop noch die „Bandit Queen“ besingen, wünschen sich K.I.Z. ein Mädchen, das sie unter den Tisch trinkt, austickt und auf sie drauf springt. Gesellschaftskritik einmal anders, wenn man so will. Der Battle- und Titeltrack „Hahnenkampf“ erinnert dann wieder etwas mehr an alte K.I.Z.-Schenkelklopfer: „Guten Tag, guten Tag wir haben dein Leben gefickt“. „Lass uns feiern“ erzählt etwas düster gehalten von einem typisch alkoholgetränkten Partyabsturz à la K.I.Z.: „Ich hab’ die Über-Leber, nenn mich den Überleber oder den Über-Alki, es macht überall Ihhh“ Die Zeit ist reif für die „11. Plage“, die musikalisch locker-flockig untermalt sarkastischen Battle-Rap liefert: „Dein Gangsterfreund sitzt wie ne Radlerhose“ oder „Es ist Red-Nose-Day: Ich hau’ deinen Kindern auf die Fresse“.
Nach einem Intermezzo starten die Jungs mit „Wenn es brennt“ zur Gesellschaftskritik Teil zwei. Mit Hilfe von spaßigen Negativbeispielen belegen K.I.Z., wie man sein Leben eben nicht führen sollte. Politisch vollkommen inkorrekt, dafür aber einer der besten Songs. „Pauch it“ schlägt in die selbe gesellschaftskritische Kerbe. Der Anti-Rauch-Song beschreibt übertrieben anhand von Kettenrauchererlebnissen, wie toll Rauchen bis zum Tod ist: „Ich wache auf – Dunkelheit – ich find’ die Schachtel blind. Die Nachbarn beschweren sich, weil’s vom ersten Stock bis in den Achten stinkt. Schau’, wie ich jeden Zeitungsladenbesitzer grüße, ich bin sexy – gelbe Zähne, gelbe Finger, schwarze Füße…“ Was die Schattenseiten menschlicher Triebe so zu Tage fördern, berichten K.I.Z. dann auf „Der Schöne und das Biest“. Vom Alki-Kneipen-Pärchen über den Zivi-Oma-Komplex bis hin zur Nazimann-Antifafrau-Romeo-und-Julia-Geschichte ist hier alles vertreten.
Die „Walpurgisnacht“ vergeht ohne spektakuläre Zwischenfälle. „Schwarz, Rot, Geld“ erinnert stark an die Toten Hosen früherer Tage und Anarchie-Kritzeleien an Schulwänden: „Alles Scheiße, alles Dreck, große Bombe, alles weg.“ Der wohl schlechteste Track des Albums. Dafür passt dann der Aufruf „Ihr sollt pogen“ im Rahmen der „Ellebogengesellschaft“ wieder ins Konzept.
„Herbstzeitblätter“ ist schließlich die lang erwartete Persiflage auf alle Bushidos und Azads der Republik. Leider kommt der Song qualitativ nicht an das perfekt in Szene gesetzte „Bong verkippt“ vom „Böhse Enkelz“-Mixtape vorbei. Trotzdem ist „Herbstzeitblätter“ unterhaltsam und ein weiterer Tipp auf „Hahnenkampf“. Die „Seekuh“ wird mit pornografisch übertriebenen Metaphern gefüllt, um schnell zum Horror-Spaß-Track „Neuruppin“ zu wechseln. „Neuruppin“ ist ein Remake des Klassikers „House of the rising sun“. Ganz im Necro-Stil referieren K.I.Z., wie geisteskranke Massenmörder denken und handeln. Insbesondere die erste Strophe des „Spinnenmannes“ und des „Dämons aus der Walachei“ haben es hier raptechnisch in sich. „Der durch die Tür Geher“ darf hinterher noch etwas Berliner Atzen-Charme versprühen. Ein gelungenes Follow-Up zu „Los geht’s“. Als Bonus spendiert Flashgordon noch den Remix zu „Klassenfahrt“. Damit endet „Hahnenkampf“ mit einem Dancefloorbeat, der nicht unbedingt notwendig gewesen wäre.
Was bleibt also unter dem Strich vom „Hahnenkampf“? Lassen K.I.Z. Federn? Ist ihr neues Steak aus der Major-Pfanne blutig, medium oder well done? „Hahnenkampf“ ist ein durchaus gelungenes Album, das solide produziert wurde. Die beiden Videos zu „Ellebogengesellschaft“ und „Geld essen“ wurden weise gewählt, um neue Zuhörer zu gewinnen. Ohne Zweifel wird sich „Hahnenkampf“ gut bis sehr gut verkaufen und damit K.I.Z., nach dem dritten Longplayer, viel Geld zum Essen bescheren. K.I.Z.-Kenner werden den Einfluss des Major-Labels zwischen den Zeilen und Tracks vermutlich spüren. Das „RapDeutschlandKettensägenMassaker“ und das überragende „Böhse Enkelz“-Mixtape werden von „Hahnenkampf“ nicht übertroffen, sondern allerhöchstens ergänzt. Den frischen Wind, den K.I.Z mit ihren ironischen Hyperbeln noch vor einem Jahr verströmten, ist leicht abgeflaut. Für alle K.I.Z.-Neueinsteiger wird dies allerdings kaum spürbar sein. „Hahnenkampf“ bleibt ein bemerkenswertes Album – allein schon auf Grund des abstrakten Spaßniveaus, das die Berliner ein ums andere Mal an den Tag legen.
Weitere Informationen und Snippet: www.myspace.com/kannibaleninzivil und www.k-i-z.com
Diese Review erscheint mit freundlicher Genehmigung von allesreal.de











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